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Unsere Wahrnehmung – mehr Täuschung als Realität?

„Wahrnehmung ist der Vorgang, mit dem Lebewesen Informationen aus ihrem Inneren oder aus der Umwelt gewinnen und verarbeiten.“ – Wikipedia beschreibt diesen spannenden und komplexen Prozess kurz und bündig. 

 

Was so banal klingt, ist alles andere als einfach und hat großen Einfluss auf unser Leben.  

 

Wahrnehmung vollzieht sich in mehreren Schritten. Den ersten Schritt haben die meisten in der Schule kennengelernt: den Aufbau und die Funktion der Sinnesorgane. 

 

Für Psychologie-Interessierte ist der zweite Schritt viel spannender: Was macht ein Mensch mit den Sinneseindrücken? Wie bewertet er sie? Wie reagiert er darauf? Und warum? 

 

Diese und weitere Fragen ergründen wir in den folgenden Abschnitten – und natürlich geben wir praktische Hinweise, wie dieses Wissen im Alltag nützt. 

 

Gleich vorweg noch ein Hinweis: Der Beitrag zeigt, wie oft wir Menschen – vereinfacht ausgedrückt – von unserer Wahrnehmung hinters Licht geführt werden. Wer sich selbst und seinen Ausgangspunkt erkennt, kann das Wahrgenommene besser einschätzen. Ein Beispiel: Kaltes Wasser, das über eine eiskalte Handfläche läuft, fühlt sich recht warm an. – Bitte behalten Sie dies beim Lesen des Beitrags im Hinterkopf. 

Unsere Beiträge sind sehr ausführlich. Bitte nutzen Sie daher zur besseren Navigation das Inhaltsverzeichnis. Sollten Sie ergänzende Anregungen oder eigene Erfahrungen zum Thema besitzen? Freuen wir uns natürlich sehr über ein entsprechendes Kommentar am Ende des Beitrages.  

Wir wünschen eine inspirierende Lektüre!

Inhaltsverzeichnis
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    Unsere Sinne: Das Tor zur Welt

     

    Sehen, Schmecken, Tasten, Riechen, Hören  – über die fünf Sinne steht der Mensch mit seiner Umwelt in Kontakt.

    Kleine Männchen die alle 5 Sinne der Wahrnehmung Symbolisieren
    Kleine Männchen die alle 5 Sinne der Wahrnehmung Symbolisieren

    Wahrnehmung - Die 5 Sinne | Quelle: © NLshop - Adope Stock

    Darüber hinaus existieren weitere Sinne, die Informationen über den Zustand des Körpers  aufnehmen und – solange keine Störungen vorliegen – unterbewusst ablaufen. Beispiele dafür sind die Schmerzwahrnehmung, die Thermorezeption, also das Temperaturempfinden oder der sogenannte vestibuläre Sinn, der für das Gleichgewicht zuständig ist.  

     

    Das Beispiel des Sehens zeigt auf beeindruckende Weise, wie ausdifferenziert allein dieser Sinneskanal aufgebaut und wie eng er mit dem Organismus verbunden ist.  

     

    Die Situation: Licht trifft auf das Auge

    Sonnenaufgang - Blickrichtung direkt in die Sonne
    Sonnenaufgang - Blickrichtung direkt in die Sonne

    Sonnenaufgang | Quelle: © 4th Life Photography - Adope Stock

    Die Abbildung unten vermittelt einen Eindruck, wie vielschichtig der Körper auf den Lichtreiz reagiert. Einerseits sendet das Auge optische Reize zur Sehrinde. Dort werden aus den hereinkommenden Nervenimpulsen Bilder konstruiert, etwa der Sonnenaufgang, den Sie auf dem Foto bewundern können. 

     

    Gleichzeitig wirkt das Licht auf den Schlaf-Wach-Rhythmus, die Stimmung und das Energielevel.

    Wahrnehmung - optische Sehbahn und energische Sehbahn
    Wahrnehmung - optische Sehbahn und energische Sehbahn

    Wahrnehmung - optische und energetische Sehbahn | Quelle: ALL4SINGLES

    FAZIT: Wahrnehmung ist ein Prozess. Umweltreize werden aufgenommen und der Mensch reagiert auf vielen Ebenen gleichzeitig darauf – bewusst und unbewusst.

     

    Der sechste Sinn – doch kein Hexenwerk

     

    Im Alltag ist in bestimmten Fällen vom „sechsten Sinn“ die Rede. Was verstehen Sie darunter? – Überlegen Sie gerne einen Moment. 

     

    Der „sechste Sinn“ beschreibt eine Wahrnehmung, die unbewusst abläuft und nicht eindeutig einem der fünf Sinne zugeordnet werden kann. 

     

    Stellen Sie sich vor: Sie wollen eine stark befahrene Straße überqueren. Die Fußgängerampel schaltet auf grün –  und trotzdem bleiben Sie stehen. Ein innerer Impuls hält Sie zurück. Einen Augenblick später brettert ein Auto an Ihnen vorbei. Der Fahrer hat die rote Ampel übersehen und Sie wären direkt vor seinen Wagen gelaufen. 

     

    Besitzen Sie eine außersinnliche, gar überirdische Fähigkeit? Die Antwort lautet: Wahrscheinlich nicht. Forscher der Washington University in St. Louis (USA) konnten nachweisen, dass eine Region im vorderen Gehirn – der anteriore cinguläre Cortex –  ein Frühwarnsystem beherbergt. Tritt kurzfristig eine Gefahr auf, reagiert diese Hirnregion extrem schnell und ermöglicht es der Person, ihr Verhalten rasch anzupassen.

    (Quelle: https://source.wustl.edu/2005/02/brain-region-learns-to-anticipate-risk-provides-early-warnings-suggests-new-study-in-science/ )

     

    Bleiben wir noch bei den physiologischen Sinnesreizen – die psychologischen Aspekte folgen im Anschluss.  

     

     

    Sinneseindrücke neu entdecken: kleine Fluchten im Alltag

     

    Die meiste Zeit des Lebens nutzt der Mensch seine Sinne, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sich mit den Fähigkeiten des eigenen Organismus zu befassen, kann sehr faszinierend sein. Wer gerät nicht ins Staunen, wenn er die ausgeklügelte Entwicklung der Evolution erkennt?

     

    Gleichzeitig lässt sich das Wiederentdecken der Sinne über Achtsamkeitsübungen als einfache und jederzeit abrufbare Entspannungsmöglichkeit nutzen.

     

    Entspannungsübungen

     

    Sinneseindrücke wieder zu entdecken ist eine Form der Achtsamkeitsmeditation. Achtsam sein bedeutet: Die Aufmerksamkeit wird bewusst auf einen Punkt gelenkt und die damit verbundene Erfahrung registriert, ohne sie zu bewerten. 

     

    Diese Übungen können Sie sofort ausprobieren: 

     

    1. Sitzen oder liegen Sie bequem? Ja? Dann schließen Sie die Augen und konzentrieren Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Nasenspitze. Dorthin, wo der Atem den Körper verlässt. Spüren Sie den Luftstrom? Wo auf der Haut ist er wahrnehmbar? Bis zur Oberlippe? Oder verfängt er sich in Ihrem Bart? Ist die Nasenspitze kalt oder eher warm?
    1. Sobald die Sonne nach einer Schlechtwetter-Phase durch die Wolken bricht, wenden Sie sich den Strahlen zu und schließen Sie die Augen. Wo trifft die Sonne auf Ihre Haut? Spüren Sie, wie sich diese Körperpartien erwärmen? Rieselt vielleicht ein wohliger Schauer durch den Körper? 
    1. In stressigen Momenten kann es helfen, wenn Sie Ihren Fokus auf Ihre Fußsohlen lenken. Barfuß ist diese Übung natürlich am effektivsten. Aber auch wenn Sie Schuhe tragen, entfaltet sie ihre Wirkung. Nehmen Sie wahr, wie Sie fest mit beiden Füßen auf dem Boden stehen. Wo liegt der Schwerpunkt? Welche Bereiche des Fußes berühren den Boden, welche nicht? Wenn Sie mögen, stellen Sie sich richtig fest auf die Erde und spüren Ihre Standfestigkeit.

     

    Wenn Sie diese Übungen regelmäßig praktizieren, werden Sie schneller und auch in sehr herausfordernden Momenten verlässlich darauf zurückgreifen können. Viel Erfolg und Freude! 

     

     

    Wahrnehmung: Wie wird sie bewertet? 

     

    In den Übungen ging es darum, die Aufmerksamkeit auf Sinneswahrnehmungen zu richten – ohne sie zu bewerten oder zu beurteilen. Im Alltag kommt dieser Zustand kaum vor. Jede Information, die unser Bewusstsein erreicht, wurde bereits als wichtig eingestuft und interpretiert, sodass eine Reaktion erfolgen kann. 

    Beispiel: 

    • Wahrnehmung: Es ist kalt.
    • Interpretation: Kälte ist unangenehm und ich könnte einen Schnupfen bekommen.
    • Reaktion: Die Person zieht sich eine Jacke an.

     

    Dieser einfache Reiz-Reaktions-Mechanismus zeigt stellvertretend die unzähligen kleinen und großen Entscheidungen, die jeder Mensch täglich aufgrund seiner Wahrnehmung und deren Verarbeitung trifft.  

    Die gleiche Wahrnehmung kann auch ganz andere Folgen haben.

    • Wahrnehmung: Es ist kalt.
    • Interpretation: Die Kälte ist zwar unangenehm, aber ich trainiere damit meine Widerstandskräfte. 
    • Reaktion: Die Person bleibt noch einige Sekunden unter der kalten Dusche nach dem Saunagang stehen.

     

    Der Unterschied wird klar: Der physische Vorgang ist in beiden Fällen gleich. Die Thermorezeptoren der Haut leiten Impulse an das Gehirn. Dort wird der Reiz verarbeitet und je nach Interpretation zeigt die Person ein anderes Verhalten.

     

    Im Folgenden geht es um die Frage: Welche Faktoren beeinflussen, wie Menschen Sinneseindrücke interpretieren?

     

     

    Wie strukturiert das Gehirn die Wahrnehmung?

     

    Das menschliche Gehirn ist ein Hochleistungs-Organ. Mit seinen rund 1200 Gramm entfallen etwa zwei Prozent des Körpergewichts auf das Gehirn. Dafür verbraucht es rund zwanzig Prozent des körperlichen Energieumsatzes. Im Vergleich zu Computern arbeitet es trotzdem hocheffizient.

     

    Die Menge an Informationen, die permanent auf das Gehirn mit seinen 86 Milliarden Nervenzellen einströmt, muss geordnet und nach Relevanz sortiert werden. 

     

    Und: Es müssen Filter vorhanden sein, die die Entscheidung übernehmen, welche Reize ins Bewusstsein vordringen und welche nicht. Würde der Mensch alles bewusst wahrnehmen, den Blutdruck und Wind, die Temperatur, Geräusche und physische Prozesse, wie Hormonausschüttungen – er würde verrückt werden.  

     

    Wie der Organismus die Wahrnehmung sortiert, zeigt das folgende Beispiel: 

     

    Welcher der beiden orangefarbenen Kreise ist größer?

    Wahrnehmung - Visuelle Täuschung veranschaulicht durch abgebildete Kreise
    Wahrnehmung - Visuelle Täuschung veranschaulicht durch abgebildete Kreise

    Wahrnehmung - Visuelle Täuschung | Quelle: ALL4SINGLES

    Der rechte Kreis scheint der Größere zu sein. – Doch: Beide Kreise sind gleich groß. (Nachmessen erwünscht).

     

    Warum erscheinen die Kreise nicht gleich groß?

     

    Der Mensch nimmt Objekte im Kontext mit der Umgebung wahr. Das bedeutet: Die Situation, in der die Wahrnehmung stattfindet, beeinflusst – wie gerade gesehen – die Größenwahrnehmung. Auch die Bedeutung und Funktion eines Objektes oder einer Person werden von ihrer Umgebung mitbestimmt. 

     

    Ein Beispiel: Auf einem Foto ist eine Frau im herbstlichen Wald mit einem Weidenkorb abgebildet. Personen, die das Foto betrachten, werden sie als Beeren- oder Pilzesammlerin erkennen. Die selbe Frau auf einem Stadtplatz stehend, wird eher als Kundin eines Wochenmarktes erkannt – an eine Pilzesammlerin denkt in der zweiten Situation wohl niemand.

     

    Die Beispiele zeigen, dass der selbe optische Reiz in unterschiedlichen Situationen auch verschieden wahrgenommen wird. Die Augen nehmen Informationen als Licht- und Farbreize auf. Das, was der Mensch sieht, ist ein Produkt des Gehirns. 

    FAZIT:  Die Wahrnehmung bildet die Realität nur zum Teil ab. Zwischen dem Reiz und der Wahrnehmung finden geistige Prozesse statt, die das wahrgenommene Bild formen. 

     

    Es gibt noch weitere Faktoren, die die Wahrnehmung beeinflussen: 

     

    Gefühle 

     

    Emotionen wie Angst, Freude, Trauer und Wut wirken modulierend auf die Wahrnehmung. Stellen Sie sich vor, sie haben große Angst, etwa weil Sie nachts alleine durch ein gefährliches Stadtviertel gehen. Der „Angst-Modus“ verändert Ihre Wahrnehmung. Sie richten Ihre Konzentration verstärkt auf potenzielle Gefahren und sind bereit zu fliehen. In diesem Zustand würden Sie an einem Tour-Plakat Ihrer Lieblingsband vorbeilaufen, ohne es zu bemerken.

     

    Und der Klassiker: Verliebte nehmen die Welt anders wahr als vor der Verliebtheit. Sie bemerken dann sogar an der miesepetrigen, tratschenden Nachbarin positive Eigenschaften. 

     

    Bedürfnisse

     

    Bedürfnisse motivieren und aktivieren den Menschen – und sie wirken sich auf die Wahrnehmung aus. Wenn Sie mit knurrendem Magen in einer Fortbildung sitzen, kann der Inhalt des Kurses Sie noch so interessieren. Ihre Wahrnehmung wird sich auf die Uhr fokussieren oder Sie warten auf einen günstigen Augenblick, um den Raum zu verlassen. 

     

    Alter 

     

    Kinder nehmen die Welt anders wahr als Erwachsene. Die Eltern sind in den Augen der Kleinen perfekt – sie machen keine Fehler, wissen alles und können (fast) alles. Erwachsene erkennen, dass ihre Eltern auch „nur“ Menschen mit Stärken und Schwächen sind. 

     

    Im fortgeschrittenen Alter verändern körperliche Abbauprozesse die Wahrnehmung. Schwerhörigkeit, abnehmendes Sehvermögen und schlechtes Allgemeinbefinden wirken auf die Leistungsfähigkeit der Sinnesorgane und verändern unter anderem über die Stimmung die Verarbeitung der Sinneseindrücke. 

     

    Stimmungen

     

    Im Gegensatz zu den Emotionen halten Stimmungen über einen längeren Zeitraum an, sind weniger intensiv und die Gründe dafür kennen Sie nicht unbedingt. Wenn Sie beispielsweise morgens aufwachen und beim Gedanken an die Arbeit spüren, dass Wut auf Ihren Vorgesetzten in Ihnen aufsteigt, dann wissen Sie, warum Sie so empfinden. Vielleicht war der Chef ungerecht oder hat Sie vor Ihren Kollegen kritisiert. Im Gegensatz dazu gibt es Tage, an denen Sie morgens schlecht gelaunt aufstehen und nicht wissen, woher die negative Stimmung rührt. 

     

    Die Stimmung färbt die Wahrnehmung. Darum begegnen schlecht gelaunte Menschen auch überwiegend unaufmerksamen und unfreundlichen Zeitgenossen. Das offene Lächeln der einen Nachbarin wird – unbewusst und unabsichtlich – übersehen. Dagegen scheint der vorbeifahrende Mann Ihnen einen bösen Blick zuzuwerfen, weil Sie vor ihm schnell die Straße überquert haben.  

     

    Einstellungen (Vorurteile)

     

    Einstellungen, also bestimmte Stereotype begleiten den Alltag aller Menschen. Sie helfen, die Mitmenschen einzuschätzen und entsprechend mit ihnen umzugehen. Stereotype beeinflussen die Wahrnehmung. Nicht zur Einstellung passende Informationen werden ausgeblendet und kongruente Aspekte in den Vordergrund gerückt. 

     

    Stellen Sie sich vor, Sie begegnen in der Innenstadt einem älteren Herrn im gut geschnittenen Anzug. Sie gehen wahrscheinlich davon aus, dass dieser Herr ganz gut situiert und gebildet ist und seine Einkäufe erledigt. Die kleinen Löcher im Mantel bemerken Sie nicht. Als Sie ihm nachblicken, sehen Sie ihn den Weg zur „Tafel“ einschlagen – und sind erstaunt.

     

    Erfahrung

     

    Die Erfahrung ist einer der stärksten Filter im Wahrnehmungssystem. Dieser Filter „dichtet“ nicht vorhandene Informationen hinzu und blendet andere Aspekte aus. Ein Beispiel: Vier Freunde sitzen gemeinsam am Tisch in einem gut bürgerlichen Restaurant. Der Kellner tritt an den Tisch, schaut einen der Gäste an und sagt: „Das Schwein.“ Der Mann antwortet: „Ja, das bin ich.“ Niemand würde sich über diese Szene wundern. 

     

    Der Vorgang ist schnell erklärt: Die Umgebung und die Art, wie der Kellner spricht, sind den Männern bekannt. Der Teil der Information, den der Kellner nicht ausspricht, nämlich: „Hier ist der Schweinebraten. Den haben Sie doch bestellt.“ wird hinzugedacht. 

     

    Würde der Kellner auf der Straße auf einen Mann zugehen und „Das Schwein.“ sagen, würde die Situation anders verlaufen. Hier könnte der Angesprochene eine verbale Attacke oder Beleidigung vermuten und sich dagegen wehren. 

     

    FAZIT: Wahrnehmung ist von vielen Faktoren abhängig und entspricht selten der Realität. Der Grund: Das Gehirn ist weniger an Wahrheit oder Realität interessiert. Es arbeitet im Sinne der Evolution – für das Überleben und damit auch für die Anpassung an die Lebensbedingungen.

     

    Veränderte Wahrnehmung und ihre Folgen

     

    Auch wenn Wahrnehmungsprozesse vielen unbewussten Einflüssen unterliegen, gibt es in Gesellschaften doch einen Konsens, wie verschiedene Situationen interpretiert werden und wie der Einzelne darauf reagiert. 

     

    Ein Beispiel: Die Geburt eines Kindes ist ein positives Ereignis, die Angehörigen freuen sich, sind stolz. Die Wahrnehmung ihrer Mutterschaft und das Verhalten einer Frau mit postpartaler Depression (Wochenbettdepression) passt nicht zu den gesellschaftlichen Erwartungen. 

     

    Trotzdem kann die Wahrnehmung gestört sein oder aktiv beeinflusst und damit verändert werden. 

    Hier ein paar Beispiele und deren Folgen: 

    • Die Folgen von Alkohol sind allseits wohl bekannt. Die Wahrnehmung ist verlangsamt, die Interpretation erfolgt weniger exakt und die Reaktion zeitlich verzögert.  
    • Einige Drogen, wie LSD oder Cannabis, werden als Halluzinogene bezeichnet. Im Gegensatz zu Alkohol verlangsamen sie die Wahrnehmung nicht, sondern verändern sie. So werden bestimmte Aspekte eines Reizes intensiver wahrgenommen, was zu Halluzinationen führt. Etwa wenn eine „bekiffte“ Person den Mund ihres Gegenüber als besonders groß und hervorstehend empfindet, fast abgelöst vom Rest des Gesichtes. Es kann auch passieren, dass Reize falsch kombiniert werden, dann erscheint es so, als würde der Deckenstrahler auf dem Esstisch liegen. 
    • Hilfsmittel wie Brillen, Kontaktlinsen oder Hörgeräte gleichen Schwächen der Sinnesorgane aus und sollen die Funktionsfähigkeit der Sinne auf ein durchschnittliches Level anheben.
    • Im Vergleich dazu erweitern Lupen, Ferngläser oder Nachtsichtgeräte das ursprüngliche Leistungsspektrum des jeweiligen Organs.  
    • Technische Geräte wie Kompasse oder Ultraschall-Messgeräte nutzt der Mensch für nicht vorhandene Sinne. Das bedeutet jedoch nicht, dass es diese Sinne nicht gäbe. Fledermäuse oder Zahnwale nutzen die Echo-Ortung (Ultraschall-Wellen) zur Orientierung und zur Kommunikation. Und Zugvögel nutzen einen magnetischen Orientierungssinn, um ihr Winterquartier zu erreichen. 
    • Erfahrungen (Lernprozesse) verändern die Wahrnehmung. So können Patienten über die Biofeedback-Methode lernen, körperliche Prozesse bewusst wahrzunehmen und zu beeinflussen, die eigentlich unbewusst ablaufen. Dazu zählen zum Beispiel der Puls, die Atmung oder Muskelverspannungen bei chronischem Stress.
    • Meditation und Achtsamkeitspraxis können die Wahrnehmung ebenfalls schärfen und Menschen in die Lage versetzen, Körperfunktionen zu beeinflussen. Zu den beeindruckendsten Beispielen zählen Mönche, die durch ihre jahrzehntelange Übung ihren Atem auf ein Minimum reduzieren und den Blutdruck bewusst beeinflussen können. 
    • Befinden sich Menschen in einer reizarmen Umgebung, etwa in dauerhafter Dunkelheit, treten nach einiger Zeit optische Täuschungen auf, im schlimmsten Fall entwickelt der Betroffene eine Psychose.   
    • Die moderne Technik mit Virtual-Reality Brillen erweitert und verändert die Wahrnehmung ebenfalls auf faszinierende Weise. 

     

     

    Psychische Störungen: ein Fehler in der Wahrnehmung?

     

    Psychische Krankheiten können zum Teil durch eine verzerrte Wahrnehmung erklärt werden.

    • Depressive Menschen neigen eher dazu, sich selbst und ihre Umgebung negativer wahrzunehmen, als ihre Mitmenschen.
    • Psychosen gehen mit Wahrnehmungsstörungen, wie Wahnvorstellungen und Halluzinationen einher.
    • Bei Angststörungen spielen Bewertung und Reaktion eine große Rolle. Ein Mensch mit einer Spinnenphobie reagiert auf den Anblick des Krabbeltieres mit intensiver Angst. Sein Organismus interpretiert die Wahrnehmung „Spinne in naher Umgebung“ mit einer großen Gefahr, der Mensch reagiert entsprechend der Interpretation.

    Diese Vorgänge finden meist unbewusst statt. Eine erwachsene Frau weiß, dass eine kleine Spinne für sie keine Gefahr darstellt. Ihr Organismus reagiert trotzdem panisch.

     

     

    Was bedeuten diese Erkenntnisse für Alltag und Beziehung?

     

    „Die Sinne betrügen nicht … , weil sie gar nicht urteilen, weshalb der Irrtum immer nur dem Verstande zur Last fällt.“ (Quelle: Reiner, J. (1912): Philosophisches Wörterbuch. Otto-Tobies-Verlag, S. 235.) Schon Immanuel Kant erkannte den Unterschied zwischen der reinen Informationsaufnahme (Reiz) und dem, was der Geist daraus konstruiert. 

     

    Wenn menschliche Wahrnehmung also nicht zwangsläufig die „Realität“ abbildet: Wie kann das menschliche Miteinander auf dieser Basis funktionieren? 

     

     

    Das aktuelle Wissen zeigt vor allem eins: In Auseinandersetzungen oder Diskussionen „Recht haben zu wollen“ erweist sich als Holzweg. Vielmehr geht es darum, im gemeinsamen Austausch nach Lösungen und Kompromissen zu suchen. 

     

    Das Ziel erreichen die Beteiligten am besten durch eine respektvolle und empathische Haltung. 

     

    Als Methode kann die „gewaltfreie Kommunikation“ hilfreich sein.

     

    Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Toleranz – sich selbst und den Mitmenschen gegenüber. Fehler und Missverständnisse passieren. Schuldzuweisungen lösen keine Probleme, sie erzeugen lediglich eine destruktive Atmosphäre. Wenn Sie spüren, dass Sie zu wütend sind, um konstruktiv über ein Konfliktthema zu sprechen, verschieben Sie die Aussprache auf einen späteren Zeitpunkt. 

     

    Noch ein Hinweis zum Phänomen der „Meinungsblase“, das im Internetzeitalter regelmäßig als Thema von den Medien aufgegriffen wird.  Nach den bis hier diskutierten Fakten über die Wahrnehmung, könnte man davon ausgehen, dass jeder Mensch in einer Art Wahrnehmungsblase lebt. 

     

    Bei jeder Begegnung treffen demnach zwei Individuen in ihren „Wahrnehmungsblasen“ aufeinander. Dies zeigt noch einmal deutlich, wie wichtig eine wohlwollende und offene Haltung in zwischenmenschlichen Begegnungen ist – beim Zusammentreffen mit dem Sitznachbarn in der U-Bahn genauso wie am Esstisch mit dem Partner.  

     

    Und noch ein wichtiger Aspekt: Die Wissenschaft steht – wenn sie ihren Forschungsauftrag erfüllen möchte – vor einer großen Herausforderung: Sie hat die Aufgabe, die Realität abzubilden und verlässliches Wissen zu produzieren. Dafür braucht sie Regeln, die Denkfehler und Wahrnehmungsverzerrung beim Erkenntnisgewinn ausschließen. Ein Beispiel für so eine Maßnahme sind die sogenannten Doppel-Blind-Studien. Wenn die Wirksamkeit eines neuen Medikaments an Patienten getestet wird, erhält eine Gruppe den Wirkstoff, die andere Gruppe entweder ein anderes Mittel oder ein Placebo. „Doppel-Blind“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Weder die Ärzte, noch die Patienten wissen, wer welches Mittel erhält. Schließlich könnte der Arzt unbewusst Signale senden oder Informationen äußern, die das Experiment beeinflussen. 

     

    Durch das strenge Regelwerk und die Diskussion von neuen Erkenntnissen in der internationalen Forscher-Community sind wissenschaftliche Erkenntnisse die bestmögliche – nicht die perfekte(!) – Informationsquelle, über die eine moderne Gesellschaft verfügen kann. 

     

     

    Wahrnehmung: es gibt noch viele ungelöste Rätsel 

     

    Die Wahrnehmungs- und Kognitionspsychologie hat in kurzer Zeit gemeinsam mit anderen Neurowissenschaften viele Erkenntnisse gesammelt. Die moderne Technik mit ihren Computer- und Magnetresonanztomografen und den weltweit vernetzten Datenbanken hat die Möglichkeiten der Wissenschaftler enorm vergrößert. 

     

    Sie arbeiten weiter an den ganz großen Fragen der Menschheit: Wie entsteht das ICH? Wie entsteht Bewusstsein? Gibt es eine vom Körper unabhängige Psyche (Seele)? Es bleibt in jedem Fall spannend, das Thema weiter im Auge zu behalten. 

     

    Sobald die Wissenschaftler zu neuen Erkenntnissen gelangen, werden wir hier wieder darüber berichten.   

    Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

    Zum Weiterlesen:

    Lotto, B. (2018): Anders sehen: Die verblüffende Wissenschaft der Wahrnehmung. Goldmann-Verlag. – ganz aktuell

    Sacks, Oliver (1990): Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Rororo-Verlag. – Der Klassiker.

    Birbaumer, N. & Schmidt, R. (2018): Biologische Psychologie. Springer-Verlag. Für diejenigen, die es ganz genau wissen wollen.

    Gegenfurtner, K. R. (2014): Wahrnehmungspsychologie. Der Grundkurs. Springer-Verlag. – Für diejenigen, die es ganz genau wissen wollen.

    Vera F. Birkenbihl: Wahrnehmung und Gedanken:

    https://www.youtube.com/watch?v=ndVcHXQBzQ4

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    Susanne Schmieder

    Autorin: Susanne Schmieder

    Psychologin
    Mit Worten jonglieren, den richtigen Ton treffen und die Leser wertvoll informieren - das macht mir großen Spaß. Als Diplom-Psychologin verfasse ich hilfreiche und nützliche Fachartikel. Das bedeutet für mich Faszination und Herausforderung zugleich.

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