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Sucht – die Krankheit der 1000 Gesichter

Meine Freundin behauptet regelmäßig: „Ich bin süchtig nach Kaffee.“ Das klingt doch eigentlich harmlos, oder? –  Bei Begriffen wie drogensüchtig oder medikamentenabhängig tauchen im Kopf meist weniger harmlose Bilder auf. Was ist Sucht eigentlich? Wie entsteht sie, wo ist sie verbreitet – und: gibt es „gute“ und „schlechte“ Sucht?

 

Diese Fragen und noch ein paar mehr beantworten wir in diesem Beitrag. 

 

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Mehrere Drogen abgebildet mit verschiedenen Drogen die süchtig machen können
Mehrere Drogen abgebildet mit verschiedenen Drogen die süchtig machen können

Einfluss von Sucht und Drogen auf unser Gehirn | Quelle: © freshidea - Adope Stock

Unsere Beiträge sind sehr ausführlich. Bitte nutzen Sie daher zur besseren Navigation das Inhaltsverzeichnis. Sollten Sie ergänzende Anregungen oder eigene Erfahrungen zum Thema besitzen? Freuen wir uns natürlich sehr über ein entsprechendes Kommentar am Ende des Beitrages.  

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Inhaltsverzeichnis
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    Was ist „Sucht“ eigentlich?

     

    Sucht ist ein Wort aus der Alltagssprache, das meist gleichbedeutend mit Abhängigkeit gebraucht wird. Das war nicht immer so.  Ursprünglich stand der Begriff für Krankheit“, „Seuche“, „siechen. So gab es etwa die Wassersucht  – und nein, die Betroffenen waren nicht abhängig von Wasser. Sie litten an Wassereinlagerungen, heute Ödeme genannt. Andere Krankheiten waren zum Beispiel Schwindsucht und Gelbsucht. 

     

    In manchen Regionen Bayerns verwenden die Bewohner den Ausdruck auch heute noch im alten Wortsinn. „Du bist süchtig.“ heißt: Du bist erkältet.

    Sucht kann sich auf zwei Arten äußern:

    1. Abhängigkeit von einem Suchtmittel: Alkohol, Nikotin, Drogen, Nasenspray, Medikamente, Zucker oder Koffein.
    2. Zwanghaftes, exzessives Verhalten: Spielsucht, Sexsucht, Online-Sucht oder Sportsucht.

     

    Psychologen und Mediziner sprechen vom Abhängigkeitssyndrom. Seit den 1960er Jahren wird in Fachkreisen versucht, das Wort Sucht zu vermeiden. Der Grund: „Sucht“ und „süchtig“ stammen aus einer Zeit, in der eine Abhängigkeit noch nicht als Krankheit anerkannt war. Süchtige galten als willensschwach und als Versager. Die neuen Begriffe sollten einerseits die Betroffenen von diesem Stigma befreien; gleichzeitig wollte man darauf hinweisen, dass hinter dem neuen Wort auch neue Erkenntnisse stehen.  

     

     

    So entstehen Süchte: von Botenstoffen und Lerneffekten

     

    Gleich vorweg ein wichtiger Hinweis: Eine behandlungsbedürftige Suchterkrankung entsteht nicht von einem Moment auf den anderen. Sie entwickelt sich schleichend. Rückblickend können Betroffene oder Personen aus dem nahen Umfeld vielleicht erkennen, wann die krankhafte Sucht begann. Das ist so ähnlich wie bei einer eitrigen Wunde. Erst bemerkt die Person vielleicht nur eine kleine Schramme – keine Schmerzen, nichts Auffälliges. Irgendwann spürt sie einen pochenden Schmerz und sieht, dass der Kratzer sich in eine Schwellung mit nässender Wunde verwandelt hat. Die Zeit dazwischen hat sie nicht bewusst erlebt. 

     

     

    Belohnung und Wiederholung 

     

    Sucht entwickelt sich aus einer Kombination aus Belohnungs- und Lerneffekten. Die Einnahme eines Suchtmittels hat – je nach Art – unterschiedliche Folgen: Entweder löst es einen unangenehmen Zustand etwa Stress, Schmerz und Angst, oder es fördert einen angenehmen Zustand, wie Glücksgefühle und Energieüberfluss.

     

    Der Belohnungseffekt tritt ein, wenn im Zusammenhang mit der eingenommenen Substanz oder einem bestimmten Verhalten, das Belohnungssystem im Gehirn aktiv wird. Dopamin, das Wohlfühl-Hormon wird ausgeschüttet. Zucker wirkt zum Beispiel direkt auf das Belohnungszentrum, während Schmerzmittel die Schmerzweiterleitung hemmen und der Effekt, dass der Schmerz nachlässt, das Belohnungszentrum aktiviert. Nach dem Motto: Das gezeigte Verhalten (Tablette nehmen) erzielt einen positiven Effekt (Schmerz lässt nach). Dieses Verhalten ordnet der Organismus als positiv ein und reagiert darauf mit einer Dopaminausschüttung (Belohnung).

     

    Dieser Effekt wird im Gehirn abgespeichert, also gelernt. Wenn nun eine Situation auftritt, die in der Vergangenheit zu Kopfschmerzen führte, sendet der Körper das Signal: Tablette bitte. Vielleicht spürt der Betroffene bereits einen leichten Anflug von Kopfschmerzen während des Meetings und denkt: Genau wie beim letzten Mal. Dieses Mal nehme ich die Schmerztablette besser sofort. Sonst werden die Schmerzen wieder so stark wie voriges Mal. Das möchte ich vermeiden. – Das kann der Einstieg in eine Abhängigkeit sein. 

     

    Die andere Variante: Wer etwa aus medizinischen Gründen ein Medikament längere Zeit einnimmt und dann unter Entzugserscheinungen wie Kopfschmerzen leidet, greift im ungünstigsten Fall wieder zu dem Mittel. Die Abhängigkeit besteht darin, Entzugserscheinungen zu vermeiden. Auch hier kommen Lern- und Belohnungseffekte zum Tragen.

     

     

    Suchtmittel in der Gesellschaft: Vergnügen, Krankheit und viel Geld

     

    Das Verhältnis der Gesellschaft zu Substanzen mit Suchtpotenzial ist vielschichtig und zum Teil sehr widersprüchlich. Am Beispiel des Alkohols wird das besonders deutlich:

     

    Der Fachverband Sucht e. V.
    https://www.sucht.de/home.html stellt in seiner Untersuchung fest, dass rund 15 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 64 Jahren einen riskanten Umgang mit Alkohol pflegen. Das heißt, sie gefährden ihre Gesundheit und die anderer Menschen (z. B. im Straßenverkehr). Rund 1,7 Millionen Deutsche galten 2015 offiziell als alkoholabhängig. 

     

    Um die Situation hierzulande einzuschätzen, hier ein Vergleich: In Deutschland trinkt jeder Erwachsene durchschnittlich 11 Liter Alkohol pro Jahr. Damit liegen die Deutschen in einem Vergleich mit den europäischen Nachbarn im ersten Drittel. – Litauen führt die Liste mit 15 Litern an, das Schlusslicht ist Norwegen mit 6 Litern pro Kopf und Jahr.

     

    2016 investierten Unternehmen rund 550 Millionen Euro in Werbung für alkoholische Getränke. Ins Staatssäckel flossen in dem Jahr rund drei Milliarden Euro an Steuern.

     

    Alkohol verursachte 2016 rund 9 Milliarden Euro an direkten Kosten für die Allgemeinheit: Krankheiten, Rehabilitation von alkoholabhängigen Patienten, Unfälle im Zusammenhang mit Alkohol und Pflegekosten sind Teil dieser Rechnung.  

     

    Anhand dieser Zahlen könnte die Frage auftauchen: Warum wird Alkohol nicht verboten?

     

    Ein Blick in die Geschichte zeigt: Es funktioniert nicht. So galt in den USA während der Prohibition von 1920 bis 1932 ein landesweites, striktes Verbot, Alkohol zu produzieren, zu transportieren und zu verkaufen.

     

    Die Folge: Es entwickelten sich umfangreiche kriminelle Strukturen. Der Staat konnte die illegalen Kleinstbetriebe nicht im notwendigen Umfang aufspüren und die Einhaltung des Gesetzes nicht durchsetzen. Zudem war die Bevölkerung mit den Maßnahmen nicht einverstanden und begann, dagegen zu rebellieren. Nachdem die Regierung das Verbot wieder zurückgenommen hatte, verloren die kriminellen Banden ihr Hauptgeschäft und verlagerten ihre Aktivitäten auf andere Bereiche. Sie stiegen zum Beispiel ins Drogengeschäft ein. Die kriminellen Strukturen blieben überwiegend erhalten. Heute hat die USA ein massives Drogenproblem.

     

     

    Warum werden manche Menschen abhängig und andere nicht?

     

    Das Gehirn und die beschriebenen Prozesse verlaufen im Prinzip bei allen Menschen gleich.

    Dass nicht jeder eine Abhängigkeit von Schmerzmitteln entwickelt, liegt an folgenden Faktoren:

    • Gene: Studien mit eineiigen Zwillingen und Untersuchungen des familiären Umfeldes von Suchtpatienten ergaben, dass die Gene an der Entstehung der Erkrankung beteiligt sind. 
    • Auch das familiäre Umfeld kann den Ausbruch einer Sucht begünstigen. Hier vor allem über die Vorbildfunktion der Erwachsenen für das Kind (gelerntes Verhalten). 
    • Destruktiver Umgang mit psychischen Krankheiten und Traumata. Negative Gefühle und Gedanken werden durch Suchtmittel oder zwanghaftes Verhalten verdrängt. 
    • Momentane und künftige Verfassung: Jeder kennt Momente oder Phasen im Leben, in denen „es sowieso schon egal ist“. Wer etwa kurz nach einer Trennung mit Menschen in Kontakt ist, die ihm Alkohol als Tröster anbieten und die betroffene Person spürt, dass die Kumpels und der Alkohol seinen Schmerz lindern, gerät unversehens in eine riskante Situation. Nun kommt es darauf an: Erkennt der Neu-Single, dass Alkohol keine Lösung ist und sucht er sich andere Strategien, oder bleibt er auf diesem Weg und trinkt weiter.  
    • Verfügbarkeit: Kinder- und Jugendliche, die schon auf dem Schulhof mit Cannabis und Tabak in Kontakt kommen, entwickeln ein höheres Risiko, später in eine Abhängigkeit zu rutschen, als Gleichaltrige ohne diese Konsumoption.
    • Gruppenzwang: Menschen mit geringem Selbstwertgefühl oder Außenseiter fühlen sich unwohl, wenn sie einen angebotenen Drink oder eine Zigarette ablehnen. Ein klassischer Einstieg zum Beispiel ins Rauchen.

    Allgemein lässt sich feststellen: Eine Sucht-Persönlichkeit, also bestimmte Charaktereigenschaften oder ein Zusammenspiel verschiedener Persönlichkeitsmerkmale, konnte die Wissenschaft nicht finden. Sucht ist eine Erkrankung, die wie andere Krankheiten in der Kombination aus unterschiedlichen Faktoren entsteht.

    Quelle: Neurologen und Psychiater im Netz

    www.psychiater-im-netz.org

     

     

    Gute Sucht, schlechte Sucht?

    Mann mit einem Engel und Teufel auf der Schulter - Symbol für den inneren Kampf gegen die Sucht
    Mann mit einem Engel und Teufel auf der Schulter - Symbol für den inneren Kampf gegen die Sucht

    Gute und schlechte Sucht - Der Konflikt im inneren | Quelle: © lassedesignen - Adope Stock

    Ob man Abhängigkeit in gut und schlecht einteilen kann, ist fraglich. 

     

    Ein Beispiel: Jeder Mensch braucht Nahrung. Dieses Brauchen ist jedoch keine Sucht. Essen wird zur Esssucht, wenn das Verhalten ein natürliches Maß übersteigt und für den Betroffenen negative Konsequenzen wie Übergewicht daraus entstehen. Das gilt auch für das Nicht-Essen. Phasenweise zu fasten ist gesund, exzessive Nahrungsreduktion wird zur Magersucht und gefährdet die Gesundheit genauso wie die Fruchtbarkeit. 

     

    An dieser Stelle sei auf einen Mythos hingewiesen: Die Vorstellung, Psychopharmaka würden allgemein süchtig machen stimmt so nicht. Tatsächlich gibt es eine Medikamentengruppe mit Suchtpotenzial – die Benzodiazepine. Benzodiazepin ist ein Wirkstoff, der an spezielle Rezeptoren der Nervenzellen im Gehirn andockt und dadurch eine Informationsübertragung verhindert. 

     

    Benzodiazepine hemmen Ängste und beruhigen. Darüber hinaus wirken sie sehr schnell. Diese beiden Faktoren begünstigen einen schädlichen Gebrauch. Zudem gewöhnt sich der Körper schnell an diesen Stoff und die Dosis muss erhöht werden, um die gewünschte Reaktion zu erhalten. Mediziner setzen diesen Wirkstoff deshalb nur zur Akuttherapie ein. Leider kann es manchmal passieren, dass im hektischen Klinik- oder Praxisalltag die ideale Behandlungsdauer überschritten wird. Weist der Patient von sich aus nicht darauf hin, kann er im schlimmsten Fall in eine Abhängigkeit rutschen. [Ein weiterer, wichtiger Grund für ausreichend Personal im Gesundheitssystem.]   

     

    Andere Medikamente, allen voran Antidepressiva, haben kein Suchtpotenzial und können ohne Bedenken auch über längere Zeit eingenommen werden. 

     

    Die bisherigen Ausführen zeigen: Es gibt keine guten und schlechten Süchte. Die Einordnung in die folgenden Kategorien oder Arten von Abhängigkeit (nach der WHO) bringt mehr Klarheit:

    1. Der unerlaubte Gebrauch einer verbotenen Substanz, etwa von Heroin oder Cannabis
    2. Ein gefährlicher Gebrauch liegt vor, wenn die Verwendung einer Substanz wahrscheinlich zu Schäden führt. Das kann eine dauerhafte Einnahme von Schmerzmitteln oder das Rauchen sein.    
    3. Die WHO spricht von dysfunktionalem Gebrauch, wenn der Betroffene psychisch beeinträchtigt ist oder die sozialen Anforderungen des Alltags nicht mehr entsprechen kann. Beispiele wären Konzentrationsstörungen und Aggressionen im Zusammenhang mit regelmäßigem, hohem Alkoholkonsum.
    4. Und last but not least: Ein schädlicher Gebrauch liegt vor, wenn das Suchtmittel bereits manifeste Schäden hervorgerufen hat. Ein klassisches Beispiel ist die Leberzirrhose bei Alkoholmissbrauch oder eine durch Cannabis ausgelöste Psychose.

     

    Ist meine Sucht schon krankhaft?

     

    Diese Frage ist ganz allgemein schwer zu beantworten. Den meisten Betroffenen ist ihre Abhängigkeit nicht bewusst. Andere, die um ihr Risiko oder gar ihre Krankheit wissen, verdrängen und leugnen ihre Situation.

    Hier ein paar Hinweise, die Ihnen eine Orientierung bieten können:

    • Nutzen Sie eine Substanz (z.B. Alkohol) oder ein Verhalten (Pornos anschauen) intensiv und regelmäßig, um negative Gefühle abzuwenden? 
    • Spüren Sie manchmal ein schlechtes Gewissen, weil sie merken, dass mit ihrem Verhalten etwas nicht stimmt? Beispiel: Ich trinke zu viel.
    • Kreisen Ihre Gedanken täglich um das Suchtmittel oder um die Beschaffung? Beispiel: Hab ich noch ausreichend Wein im Haus? Ich mach heut früher Feierabend, ich brauch jetzt einen Absacker.
    • Versuchen sie, so ehrlich wie möglich zu sein und beantworten Sie für sich die Frage: Haben Sie den Alkohol im Griff oder der Alkohol Sie? Das gilt natürlich auch für‘s Spielen, für Pornos, Cannabis etc.

    Sollten Sie diese Warnsignale bei sich feststellen, sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Hausarzt darüber.

     

    Häufige Suchtmittel und die Verteilung in Deutschland. 

    Grafik - Suchtmittel und Verteilung in Deutschland
    Grafik - Suchtmittel und Verteilung in Deutschland

    Verteilung von Suchtmittel in Deutschland  | Grafik: ALL4SINGLES | Quelle: https://www.bundesgesundheitsministerium.de

     

    Definition Abhängigkeitserkrankung nach der Weltgesundheitsorganisation WHO

     

    Psychische Abhängigkeit zeigt sich im Bedürfnis oder Verlangen nach regelmäßigem Konsum einer Droge. Dieses Bedürfnis kann sich bis hin zum Zwang verstärken. Der Konsum fördert ein Lustgefühl oder vermeidet ein unangenehmes Gefühl.


    Körperliche Abhängigkeit
    ist die Reaktion des Organismus auf den längerfristigen Gebrauch einer Substanz in Form von Toleranzentwicklung und/oder Entzugserscheinungen.

     

    Die Diagnose einer körperlichen Abhängigkeit wird nur gestellt, wenn mindestens drei der folgenden Merkmale in den letzten 12 Monaten aufgetreten sind:

    • Zwang, eine Substanz zu konsumieren
    • verminderte Kontrolle über den Konsum
    • körperliche Entzugserscheinungen, wenn der Konsum eingestellt oder die Dosis reduziert wird
    • erhöhte Verträglichkeit der Substanz
    • andere Interessen werden vernachlässigt
    • Konsum wird nicht beendet, trotz nachgewiesener negative Folgen

     

    Sucht und Partnerschaft: eine spezielle Herausforderung

     

    Die bisherigen Ausführungen haben deutlich gezeigt, wie schwierig der Umgang mit Sucht ist – für die Betroffenen genauso wie für das Umfeld. Rauschmittel, Pornos und Internet sind fest im Alltag integriert. Darum kann eine Sucht auch innerhalb einer Partnerschaft zum Thema werden. 

    Für Angehörige gibt es aus diesem Grund verschiedene Unterstützungsangebote. 

     

     

    Verbreitete Süchte: Alkohol, Medikamente, Sex – und Co-Abhängigkeit

     

    Egal ob Alkohol, Spielsucht oder Sexsucht – eine Abhängigkeitskarriere kann Beziehungen und ganze Familien ruinieren. Deshalb ist es besonders für Angehörige so wichtig, sich mit dem Thema bewusst auseinanderzusetzen und aktiv zu werden. Denn: Aktivität stärkt die psychische Widerstandskraft und bewahrt Sie vor eigenen psychischen (und evtl. finanziellen) Schäden.

     

    Hier gilt es, aus gesunder Selbstfürsorge heraus zu handeln. 

     

    Falls Sie bemerken, dass Ihr Partner Alkohol oder andere Substanzen in schädlichem Maße konsumiert oder exzessiv Pornos anschaut und Sie diesbezüglich bereits angelogen hat, bedeutet das für Sie:

    Wenn Sie diese Sorgen mit sich herumtragen, befinden Sie sich in bester Gesellschaft:

    • Ihr Partner, Ihre Partnerin ist möglicherweise krank – das hat nichts mit Charakterschwäche zu tun.
    • Sie selbst sind in keinem Fall „schuld“ an der Sucht. Die Ursachen und Auslöser sind – wie oben beschrieben – vielschichtig und komplex.
    • Sie sind auch nicht dafür verantwortlich, dass Ihr Partner wieder gesund wird. Sie können die Unterstützung anbieten, die Sie bereitstellen können, ohne sich selbst gesundheitlich oder sonst zu schaden.
    • Sie als Angehöriger haben das Anrecht auf Unterstützung. Es ist kein Zeichen von Schwäche Hilfe anzunehmen.
    • Sprechen Sie mit Ihrem Partner und beharren Sie darauf, dass er oder sie sich in ärztliche Behandlung begibt.

    Je nach Ausmaß und Dauer der Abhängigkeit gilt es, präventiv zu agieren oder Schadensbegrenzung zu betreiben. 

     

    Der Knackpunkt liegt in der sogenannten Co-Abhängigkeit. 

     

     

     

    Co-Abhängigkeit: Gebraucht-werden-wollen bis zur Selbstaufgabe

     

    Menschen mit einer Suchterkrankung brauchen echte Hilfe. Die Krankheit kann für die Angehörigen zur Selbsterkenntnis werden: Wie wichtig ist es Ihnen, gebraucht zu werden?

     

    „Wenn es mich nicht gäbe, würde das Leben meines Partners zusammenbrechen.“ 

     

    Menschen sind soziale Wesen und Solidarität und Unterstützung von Kranken gehört als angemessenes Verhalten dazu. ABER: Es gibt konstruktive Unterstützung und falsche Hilfe. Falsche Hilfe bei Abhängigkeit bedeutet, dass Angehörige die Verantwortung übernehmen und sich womöglich sogar schuldig für die Sucht fühlen. Sie bemühen sich oft jahrelang, die Folgen einer Sucht zu vertuschen und stehen damit einer echten Therapie im Weg. Co-Abhängige gehen dabei oft über die eigenen Grenzen und vernachlässigen sich selbst und ihr Leben massiv.

     

    Dieses Verhalten ist nicht zielführend – für keinen von beiden.

     

    Tendenzen einer Co-Abhängigkeit kann Ihnen der folgende Test aufzeigen. Er ist auf der Website des Schweizer Vereins BZBplus veröffentlicht. Der Verein setzt sich zusammen aus VertreterInnen der politischen Gemeinden und der Kirchgemeinden aus der Region Baden und Wettingen: 

    https://bzbplus.ch/test/bin-ich-co-abhaengig/ 

     

    Gehen oder bleiben?

     

    Die zentrale Frage, ob eine Trennung notwendig ist, muss der Angehörige immer für sich selbst treffen. Diese Entscheidung kann ihm niemand abnehmen. Den Weg zu einer Entscheidung muss jedoch niemand alleine gehen. Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und auch Ärzte stehen mit ihrem Wissen und ihrer Unterstützung den Betroffenen zur Seite.

     

     

    Abhängigkeit überwinden – mögliche Strategien und Hilfen

     

    Wer schon mal versucht hat, eine bestimmte Zeit das Smartphone zu ignorieren oder auf Naschereien zu verzichten, weiß wie schwer es ist. – Und das, obwohl keine ausgeprägte Abhängigkeit vorliegt. Abhängigkeit ist eine Krankheit, die sich nicht einfach durch Willenskraft überwinden lässt. Das wäre in etwa so, als könnten Sie allein weil sie es wollten, ihre Schnupfennase am Laufen hindern.

     

    Vor diesem Hintergrund sollte klar sein: Abhängigkeit zu überwinden ist kein Spaziergang. Es erfordert Mut – und Unterstützung. Wer diesen Mut aufbringt und sich der Krankheit stellt, erfährt meist viel mehr Hilfe und Anerkennung als erwartet.

     

    Die erste Anlaufstelle für Ihre konkreten Fragen kann ein Arzt Ihres Vertrauens oder eine regionale Suchtberatung sein. Auch allgemeine psychologische Beratungsstellen, etwa von der Caritas oder der Diakonie, helfen Ihnen gerne weiter. 

     

    Die zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker (hier ein Auszug) zeigen prägnant, was es heißt, die Sucht als Krankheit anzuerkennen. Die Inhalte, die sich mit Gott beschäftigen lassen erkennen, welche Bedeutung und Kraft Spiritualität entfaltet.

    • Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.
    • Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.
    • Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes – wie wir Ihn verstanden – anzuvertrauen.
    • Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren.
    • Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.
    • Wir machten eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten und wurden willig, ihn bei allen wieder gutzumachen.
    • Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut – wo immer es möglich war –, es sei denn, wir hätten dadurch sie oder andere verletzt.
    • Wir setzten die Inventur bei uns fort, und wenn wir Unrecht hatten, gaben wir es sofort zu.
    • Wir suchten durch Gebet und Besinnung die bewusste Verbindung zu Gott – wie wir Ihn verstanden – zu vertiefen. Wir baten Ihn, uns Seinen Willen erkennbar werden zu lassen und uns die Kraft zu geben, ihn auszuführen.

    Inzwischen existieren für die unterschiedlichen Suchterkrankungen eigene Therapiekonzepte und spezielle Einrichtungen. Nach erfolgreicher Therapie gibt es eigene Angebote für den Wiedereinstieg ins Arbeits- und Alltagsleben. Die Stigmatisierung hat sich in der jüngsten Vergangenheit weiter reduziert.

    Fazit: Sucht ist ein weites Feld und der Weg, sich daraus zu befreien gleicht eher einem Marathon als einem Sprint. Dieser Beitrag zeigt, dass Forschung und Gesellschaft viele Hilfen bereitstellen und es ein lebenswertes Leben jenseits der Abhängigkeit gibt.

    Alles Gute für Sie!

     

    Zum Weiterlesen:

    Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (https://www.dhs.de/start.html) bietet Informationsbroschüren für die häufigsten Suchtmittel zum Download und zum Bestellen an. 

    Für den Bereich Forschung und Medizin stellt die Website der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e. V. (https://www.dg-sucht.de/) zahlreiche Informationen bereit. 

    Bucher, Anton (2014): Psychologie der Spiritualität. BELZ-Verlag.

    Bachmann, M. & El-Akhras, A. (2014): Lust auf Abstinenz: Ein Therapiemanual bei Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängigkeit. Springer-Verlag. 

    Lindenmeyer, J. (2016): Lieber schlau als blau: Entstehung und Behandlung von Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. BELZ-Verlag.

    Roth, K. (2018): Sexsucht. Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige (Das Standardwerk in 6., aktualisierter Auflage). Ch. Links Verlag.

    Ärztezeitung Online: Co-Abhängigkeit, die verkannte Krankheit. https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Co-Abhaengigkeit-Die-verkannte-Krankheit-273401.html abgerufen am: 3.10.2020

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    Susanne Schmieder

    Autorin: Susanne Schmieder

    Psychologin
    Mit Worten jonglieren, den richtigen Ton treffen und die Leser wertvoll informieren - das macht mir großen Spaß. Als Diplom-Psychologin verfasse ich hilfreiche und nützliche Fachartikel. Das bedeutet für mich Faszination und Herausforderung zugleich.

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