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Sexualität – neuer Begriff für ein altes Phänomen

Kinder beginnen ungefähr mit drei Jahren, ihre Sexualität und Geschlechtlichkeit im Rahmen der „Doktorspiele“ zu erkunden und entsprechende Fragen zu stellen. Heute erhalten Sie normalerweise eine Antwort darauf. Vor 70 Jahren war die Welt noch eine völlig andere: Als der Vater der Autorin zuhause das Licht der Welt erblickte, stand seine 10-jährige Schwester vor einem Rätsel: Wie kam das Baby plötzlich ins Nebenzimmer? Mit dieser Frage alleine gelassen, musste sie sich selbst eine Antwort geben. Und die lautete: Die Hebamme hat es mitgebracht – in ihrem Koffer. 

 

Heute ist so eine Situation nicht mehr vorstellbar. Sexualität und subtile erotische Anspielungen sind im Alltag vor allem in der Werbung ständig präsent. 

 

Werfen wir doch mal einen genaueren Blick auf dieses uralte Phänomen, über das wir noch nicht so lange sprechen.

Sexualität Spermien kämpfen um eine Eizelle
Sexualität Spermien kämpfen um eine Eizelle

Sexualität und Fortpflanzung | Quelle: © Giovanni Cancemi - Adope Stock

Unsere Beiträge sind sehr ausführlich. Bitte nutzen Sie daher zur besseren Navigation das Inhaltsverzeichnis. Sollten Sie ergänzende Anregungen oder eigene Erfahrungen zum Thema besitzen? Freuen wir uns natürlich sehr über ein entsprechendes Kommentar am Ende des Beitrages.  

Wir wünschen eine inspirierende Lektüre!

Inhaltsverzeichnis
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    Ursprung: von der reinen Fortpflanzung zur Liebe

     

    Das erste Mal taucht das Wort Sexualität in einem Buch des Botanikers August Henschel auf. Das Werk mit dem Titel „Die Sexualität der Pflanze“ erschien 1820. Der Autor bezog den Begriff rein auf die vegetative Vermehrung, also der FortPFLANZUNG. An Sexualität von Menschen und Tieren dachte er dabei nicht. 

     

    Den Unterschied klären wir jetzt:

     

    In der Natur existieren zwei Möglichkeiten, wie eine Art ihr Überleben sichert: vegetative und sexuelle Vermehrung. Die ersten Lebewesen auf der Erde – vom Bakterium bis hin zu verschiedenen Pflanzen – vermehrten sich auf vegetative Art. Sie teilten einfach ihre Zellen – ein Doppelgänger mit identischen Erbinformationen im Zellkern entsteht. Diese Variante funktioniert sehr schnell und mit wenig Energieaufwand. Bakterien, Pilze und Algen nutzen dieses Verfahren bis heute. 

     

    Im Laufe der Zeit wurden die Erbinformationen in den Zellkernen komplexer. Es entstanden Organismen mit verschiedenen Chromosomensätzen. Diese Organismen entwickelten eine ganz andere Art, um sich zu vermehren: Statt jede Zelle einfach zu teilen und den identischen Chromosomensatz weiterzugeben, halbierten sie den Chromosomensatz und dieser wanderte in eine eigene Zelle, eine sogenannte Keimzelle.

     

    Die Keimzelle kann eine Eizelle oder eine Samenzelle sein.

    Infografik Ablauf der sexuelle Fortpflanzung
    Infografik Ablauf der sexuelle Fortpflanzung

    Sexuelle Fortpflanzung | Grafik: ALL4SINGLES | Quelle: https://www.spektrum.de

    Aus einer Keimzelle alleine kann kein lebensfähiger Organismus entstehen. Sie muss mit einer anderen, passenden Keimzelle verschmelzen, um wieder einen vollständigen Chromosomensatz zu erhalten. Erst dann verfügt sie über alle Erbinformationen, um zu einem vollständigen Lebewesen heranzuwachsen. Dieses Lebewesen ist nicht mehr nur ein Doppelgänger, es ist eine Mischung beider Eltern. 

     

    Die sexuelle Fortpflanzung hat sich bis heute bei den meisten Lebewesen durchgesetzt. Doch warum bringt die Natur ein derart aufwändiges Verfahren hervor?

    Die Wissenschaft fand dafür verschiedene Gründe:

    • Die genetische Vielfalt nimmt zu.
    • Fehler auf den Chromosomen können ausgeglichen werden. Denn: Jede Erbinformation ist nun doppelt vorhanden. Einmal vom Vater (Samenzelle) und einmal von der Mutter (Eizelle). Das neue Lebewesen ist robuster.
    • Eine genetisch so vielfältige Art kann auf veränderte Umweltbedingungen flexibler reagieren und steigert damit die Wahrscheinlichkeit zu überleben.

    (Quelle: Spektrum der Wissenschaft:

    https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/sexuelle-fortpflanzung/61313 )

     

     

    Sexuelle Fortpflanzung braucht den Sexualtrieb

     

    Diese neue Art der Vermehrung trug eine Herausforderung im Gepäck: zwei verschiedene Vertreter einer Art müssen zusammentreffen und sich paaren. Rein zufällig passiert dies wahrscheinlich nicht sehr häufig.

     

    Die Lösung: Die Natur sorgte dafür, dass die Fortpflanzung regelmäßig zu einer der wichtigsten Aufgaben für eine Art wird. So entstanden Sexualtrieb und Paarungszeit. Naturdokumentationen zeigen eindrücklich, wie viel Energie der gesamte Prozess erfordert. Die anstrengenden und zum Teil tödlichen Revierkämpfe der Männchen, die Suche nach einem Weibchen und die verschiedenen Locksysteme – von Gesängen und Tänzen bis hin zu prächtiger Optik –  zehren an den Kräften. Die Weibchen müssen den (genetisch) passenden Partner identifizieren, ungeliebte Bewerber vertreiben und die Trächtigkeit sowie die Geburt sicher überstehen –  die Aufzucht des Nachwuchses ist dabei noch gar nicht berücksichtigt.  

     

    Der Sexualtrieb wird durch Hormone gesteuert und ist von den meisten Tieren nicht rein instinktgesteuert. 

     

    Auf der Basis des reinen Fortpflanzungstriebes entwickelte der Mensch (und andere höhere Säugetiere) ein komplexes Sozialverhalten, das sein Zusammenleben und seine Kultur maßgeblich beeinflusste. Sexualität ist heute auch ein Ausdruck von Liebe und Bonobos nutzen Sex auch, um Konflikte innerhalb der Sippe zu befrieden.  

     

     

    Kulturelle Unterschiede – bis heute hoch aktuell

     

    Je nach Kulturkreis unterscheiden sich die Vorstellungen über den Sinn der Sexualität und die akzeptierten Praktiken. 

     

    In weiten Teilen der westlichen Welt unterliegt Sexualität überwiegend der freien, privaten Entscheidung: Ob sie zur Fortpflanzung oder der Liebe wegen – oder einfach zum Genuss praktiziert wird, entscheiden die Beteiligten. Sexualität innerhalb eines Machtgefälles also, mit Minderjährigen, Schülern oder Patienten steht unter Strafe.

     

     

    In Ländern des arabischen Raumes wie auch in China und Indien gelten andere Regeln: Männer genießen viele Freiheiten, während Frauen kaum ihrer Rolle der Ehefrau und Mutter entkommen und als Jungfrau in die Ehe gehen. 

     

    Die Sexualität wird besonders in streng religiös geprägten Gesellschaften streng reglementiert. Das geht so weit, dass Sex auch innerhalb der Ehe nur zur Fortpflanzung genutzt werden darf. 

     

    Viele Vorschriften und Verhaltensweisen erscheinen dem aufgeklärten westlichen Menschen unsinnig oder gar schädlich. Die Geschichte und die Lebensbedingungen der jeweiligen Kultur lassen Rückschlüsse auf ihre Entstehung zu. (Quelle: Nicole Borchert, Universität Halle-Wittenberg https://www.grin.com/document/101753)

     

    Intelligente Lebewesen leben meist in sozialen Strukturen (Familien, Sippen, Gesellschaften) zusammen. Diese Strukturen schützen den Einzelnen und sichern den Fortbestand der Gemeinschaft. So werden Nahrungsbeschaffung, Aufzucht und Schutz des Nachwuchses und Abwehr von Feinden miteinander organisiert. Die Fortpflanzung – und damit der Sexualtrieb  –  muss in die Gesellschaft integriert werden. Schließlich sollen Kämpfe um ein Weibchen, Balzverhalten und Nestbau den Zusammenhalt nicht gefährden. 

     

    Also entwickelte der Mensch Regeln und Gesetze, um diesen Urtrieb zu zähmen. Dazu zählen zum Beispiel religiöse Gebote, Ehe-Gelübde, Hochzeitsrituale, strikte Rollenerwartungen an die Mitglieder der Gemeinschaft, Auswahl der Sexualpartner durch Familienmitglieder oder strenge Verpflichtungen gegenüber den Nachkommen. Und natürlich auch entsprechende Konsequenzen, wenn Vorgaben nicht eingehalten werden. 

     

    Die Erwartung, dass Ehepartner sich treu sind und Geschlechtsverkehr nur zur bewussten Zeugung von Nachwuchs praktizieren, hat – aus historischer Sicht – durchaus seine Berechtigung: Die Vorgabe, monogam zu leben, sorgte dafür, dass sich die Eltern ausschließlich um die gemeinsamen Nachkommen kümmerten. Die Energien blieben gebündelt. Das steigerte die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder überlebten. 

     

    Monogamie schützte außerdem vor sexuell übertragbaren Krankheiten und deren Folgen. Starb ein Partner an Syphilis oder wurde er durch die Krankheit unfruchtbar, gefährdete er damit die ganze Familie. Vor der Erfindung verlässlicher Verhütungsmittel und medizinischem Fortschritt war Enthaltsamkeit die einzig wirksame Methode, um nicht mehr Kinder zu zeugen, als die Familie ernähren konnte. (Ob diese Strategien erfolgreich waren oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.)

     

    So wie sich die Voraussetzungen änderten, veränderte sich auch die Haltung gegenüber der Sexualität. Wissenschaftliche Erkenntnisse, etwa dass homosexuelle Neigungen im Tierreich verbreitet sind und ihre Funktion erfüllen, führten zu mehr Akzeptanz der Homosexualität. Auch die Tatsache, dass wir über Kondome verfügen, die einerseits eine Schwangerschaft verhindern und gleichzeitig vor Geschlechtskrankheiten schützen, veränderte die Einstellung gegenüber freizügigem Sex und erlaubte es den Gesellschaftsmitgliedern, auch vor einer Ehe mit anderen Partnern intim zu sein. 

     

    Monogamie ist heute eine Vereinbarung zwischen den Partnern. Wer sich in einer Verbindung zwischen mehr als zwei Personen wohler fühlt, kann sich Menschen suchen, die genauso empfinden.

     

    Dass innerhalb einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt unterschiedliche Vorstellungen existieren ist logisch: Menschen aus konservativen oder sehr religiös orientierten Gegenden werden kirchliche und althergebrachte Gebote und Normen länger beibehalten. Zum einen, weil sie vor Ort noch eine größere Bedeutung haben; zum Anderen, weil sie – trotz besseren Wissens – ein schlechtes Gewissen verspüren, wenn sie alte Gebote, die sie als Kinder kennengelernt haben – übertreten. 

     

    Entwicklungen verlaufen nie geradlinig und gleichmäßig. 

     

     

    Männer und Frauen – eine unendlich komplizierte Geschichte?

    Mann und Frau mit Rücken zueinander - komplizierte Sexualität in einer Beziehung
    Mann und Frau mit Rücken zueinander - komplizierte Sexualität in einer Beziehung

    Komplizierte Sexualität zwischen Frau und Mann | Quelle: © kieferpix - Adope Stock

    Die Geschichte der sexuellen Entwicklung im Laufe der Menschheit zeigt, dass die „gute, alte Zeit“ in der Mann und Frau in Harmonie zusammenlebten mehr Mythos als Realität ist. 

     

    Das liegt schon an der hormonellen Programmierung. Diese kann man sich vorstellen wie zwei verschiedene Computer – ein Apple- und ein Windows-Rechner. 

     

    Ein Beispiel: Ein frisch verliebtes Pärchen schlendert abends am Strand entlang. Kein Mensch weit und breit. Der Abend ist lau, die Stimmung romantisch. Es braucht kein Wort. Sie versinken in einem innigen Kuss – ein aufregender Quickie auf einer Strandliege folgt. Zwei Tage später spazieren sie zufällig am selben Strandabschnitt entlang. Er fragt frech: „Na, wie wär‘s mit einem zweiten Quickie?“ In diesem Moment fegt die Empörung der Frau wie ein kalter Wind die positiv-angeregte Atmosphäre fort. Was ist passiert?

     

    Die unverschnörkelte Art des Mannes, über Sex zu sprechen und bei Bedarf sofort loszulegen, überrumpelt die Frau. Sie fühlt sich vielleicht bedrängt und vermisst die Romantik. 

     

    Wer trägt nun die Schuld? 

     

    Keiner der beiden. Denn: Trotz aller Aufklärung und unserer fortschrittlichen Kultur funken unsere genetischen Programme immer wieder dazwischen. Männer und Frauen passen körperlich perfekt zusammen. Für ihre Wahrnehmung, Bedürfnisse und Gefühle gilt das leider nicht. 

     

    Die Lösung?

    Beispiele über Missverständnisse, Kränkungen und Streitereien innerhalb der Partnerschaft produziert der Alltag am laufenden Band. Dass sich das genetische Erbe in absehbarer Zeit verändert und angleicht ist nicht zu erwarten. Die einzig realistische Lösung: einander verstehen und nicht jedes Verhalten zu persönlich nehmen. Das reduziert zwar nicht die Unterschiede, aber die Häufigkeit unabsichtlicher gegenseitiger Kränkung.

     

     

    Sexualität und das richtige Maß – von der Sexsucht bis zur Asexualität

     

     

    Die Offenheit gegenüber sexuellen Bedürfnissen, Vorlieben und Besonderheiten weitet den Blick und hilft vor allem der Forschung. Menschen sind häufiger bereit, Fragen zu ihrer Sexualität ehrlich zu beantworten.

    Dabei zeigt sich ein breites Spektrum. Das richtige Maß an sexueller Lust ist sehr individuell und verändert sich im Laufe der Zeit.

    Für Pubertierende und junge Erwachsene steht das Thema weit oben in der Rangliste der Interessen. Klar, wenn die geschlechtliche Reifung einsetzt, ist alles, was mit Sex zusammenhängt neu, aufregend und interessant. Junge Erwachsene kennen ihre Bedürfnisse schon etwas besser, wollen sich trotzdem noch ausprobieren, experimentieren und Erfahrungen sammeln. Sex mit einem gleichgeschlechtlichen Partner, zu dritt oder an ungewöhnlichen Orten stehen dabei hoch im Kurs. Das richtige Maß bleibt gewahrt, solange die Beteiligten erwachsen sind, freiwillig teilnehmen und Außenstehende nicht belästigt werden. 

     

    Sobald das erste Kind zu versorgen ist, lässt die Lust auf Sex vor allem bei der Frau oft etwas nach. Sie braucht ihre Energie, um das Kind zu versorgen und ihrer neuen Rolle als Mutter gerecht zu werden. Darüber hinaus verändern Schwangerschaft und Geburt den weiblichen Körper. Nicht alle Frauen sind glücklich mit ihrem After-Baby-Body. 

     

    Sexualität ist auch für Menschen im fortgeschrittenen Alter (60+) ein Thema. Sex im Alter ist laut der Berliner Altersstudien anders. Sexuelle Aktivität und erotische Gedanken nehmen ab, Intimität – Gefühle von Geborgenheit und Liebe – nehmen zu.
    (Quelle:
    https://www.mpib-berlin.mpg.de/forschung/forschungsbereiche/
    entwicklungspsychologie/projekte/berliner-altersstudien
    )

     

    Ganz allgemein gibt es einen Unterschied zwischen den Geschlechtern: Die meisten Männer denken täglich mindesten einmal an Sex, bei Frauen beträgt dieser Anteil nur zwanzig Prozent. 

     

    Da verwundert es nicht, dass Männer häufiger an Sexsucht leiden als Frauen. Die WHO erkennt „zwanghaftes Sexualverhalten“ erst in der Neuauflage ihres Diagnosekataloges (ICD-11) an. Dieser gilt ab 2022. Als Symptome zählt die WHO unter anderem exzessiven Pornokonsum und überbordenden Telefonsex auf. Das Kernproblem besteht darin, dass die Betroffenen ihr Verhalten aus eigenem Antrieb nicht ändern können und ihr Alltag darunter leidet. Durch die Anerkennung als eigenständige Krankheit, kann den Betroffenen schneller und gezielter geholfen werden. Da bisher keine offizielle Diagnose existiert, gibt es auch keine verlässlichen Zahlen. Experten schätzen, dass in Deutschland etwa ein halbe Million Menschen an zwanghaftem Sexualverhalten leiden.

    Genauso gibt es das Phänomen der „Asexualität“ – Menschen, die keinerlei Verlangen nach sexuellen Begegnungen verspüren. Einige Asexuelle leiden darunter, weil sie nicht „normal“ sind. Andere dagegen erkennen darin ihre Individualität und suchen sogar explizit nach einer platonischen Beziehung. In Zeiten des Online-Datings ist dies gut realisierbar. (Quelle: Forum Asexualität https://www.aven-info.de/asexualitaet/ )

     

     

    Mögliche Probleme mit der Sexualität

    Frau sitzt abgeneigt zum Mann auf der Bettkante
    Frau sitzt abgeneigt zum Mann auf der Bettkante

    Probleme mit der Sexualität | Quelle: © diego cervo - Adope Stock

    Die größte Sorge von Männern in Bezug auf Sexualität ist Angst vor Impotenz. Beim Mann ist es offensichtlich, wenn er „nicht mehr kann.“ Doch Frauen können genauso an einer Libidostörung leiden. Dass am Abend vor einem wichtigen Meeting oder nach dem erfolgreich absolvierten Triathlon die sexuelle Lust auf der Strecke bleibt, ist nachvollziehbar. 

     

    Als Dauerzustand erzeugt sexuelle Unlust Frust in der Beziehung. Denn: Keine Lust auf Sex bedeutet nicht, dass die betroffene Person keine körperliche Nähe möchte. An diesem Punkt wird es heikel: Beim nicht von der Unlust betroffenen Partner erzeugt der Körperkontakt durchaus sexuelles Begehren. Laufen die Versuche, den anderen zum Sex zu animieren, ins Leere oder werden sogar aktiv abgewehrt, fühlt sich der aktivere Partner abgewiesen und mit seiner Lust alleingelassen. Passiert das hin und wieder, ist das für die meisten Menschen gut zu verkraften. 

     

    Dauert die Unlust-Phase länger, sind Ursachenforschung und eine entsprechende Behandlung sinnvoll. Die häufigsten Ursachen sind: beruflicher Stress, unterdrückte Paar-Konflikte, Streit mit den Kindern und körperliche Beschwerden wie etwa Magen-Darm-Erkrankungen oder Schilddrüsenprobleme. Auch psychische Erkrankungen können die Libido bremsen. Typisch ist dieses Symptom bei Depressionen.

     

     

    Unterschiedliche Bedürfnisse und Vorlieben innerhalb der Beziehung

     

    Unterschiedliche Bedürfnisse innerhalb der Beziehung können auch zu sexuellen Problemen führen. Hat einer der Partner zum Beispiel eine Vorliebe für BDSM und möchte diese auch ausleben, kann dies die Beziehung belasten und die gemeinsame Sexualität negativ beeinflussen

     

    Wie soll ein Paar damit umgehen, wenn ein Teil des Paares ein Bedürfnis äußerst, das der andere Part nicht befriedigen kann oder möchte?

     

    An dieser Stelle wird es heikel. Das Paar steht vor einer Herausforderung – die sie im Rahmen einer  Paarberatung am besten lösen kann. Denn Gespräche stoßen an dieser Stelle schnell an (emotionale) Grenzen. Mit einem neutralen Vermittler an seiner Seite findet das Paar schneller eine gemeinsame Lösung, da er zu emotionale Auseinandersetzungen und schwelende Konflikte moderiert.

     

    Sex: Genuss oder Pflichtübung?

    Ganz ehrlich: Wie fühlen Sie sich beim Sex? Wie viel Genuss empfinden Sie? Und wie oft gehen Ihnen währenddessen Gedanken folgender Art durch den Kopf: Bin ich gut genug? Ist er oder sie zufrieden? Bin ich schön genug? Habe ich lange genug durchgehalten?

     

    Sex sollte Freude bereiten und angenehm sein. Leider lassen sich unangenehme Gedanken nicht immer ausblenden. In der modernen Leistungsgesellschaft fällt es besonders schwer, vom Macher-Modus in einen Entspannungszustand zu wechseln. Das gilt übrigens für Männer und Frauen gleichermaßen.

     

    Entspannung lässt sich nicht erzwingen, aber man kann dafür sorgen, dass sie zunimmt. Hier die häufigsten Probleme, die einem entspannten Liebesspiel im Weg stehen und mögliche Lösungsstrategien:

     

    1. Sie sind mit einigen Körperpartien nicht zufrieden und fühlen sich unwohl, wenn Ihr Partner oder Ihre Partnerin sie sieht? – Versuchen Sie doch mal Folgendes:

     

    • Stellen Sie sich vor einen Spiegel und betrachten Sie eine Körperregion, die Ihnen gut gefällt, mit der Sie zufrieden sind. Schauen Sie liebevoll und wohlwollend auf diese Stelle und weiten Sie den Blick. Schließen Sie die „hässlichen“ Partien mit ein. Behalten Sie die wohlwollende Haltung. – Auf diese Weise steigern Sie Ihre Selbstakzeptanz und können sich leichter entspannen.
    • Sie können sich auch klarmachen, dass jeder Mensch körperliche „Problemzonen“ hat. Sie sind damit nicht alleine.
    • Wenn Sie Ihre Problemzonen als extrem störend empfinden, dann können Sie diese auch kaschieren – zum Beispiel mit erotischer Wäsche.  
    • Wenn die Stimmung passt: Fragen Sie Ihren Partner, Ihre Partnerin, wie Sie oder Er diesen Bereich Ihres Körpers wahrnimmt. Die Menschen sind verschieden und auch die Wahrnehmung von schön und weniger schön.

     

     

    1. Merken Sie, dass Sie unter Leistungsdruck im Bett stehen? Vielleicht hilft Ihnen diese Strategie:

     

    Statt der normalen Routine beginnen Sie die gemeinsame Zeit mit einer Massage. Erlaubt ist, was gefällt. Die einzige Regel: Es wird immer abwechselnd massiert. Wer gerade die Massage erhält, lässt sich fallen und genießt – er darf nicht aktiv werden. Er darf das Nichts-Tun und Annehmen üben. Übrigens: Genussfähigkeit und Hingabe wirken sehr attraktiv.

     

     

    1. Ist Sex für sie nur dann „gut“, wenn alle Beteiligten zum Orgasmus gelangen?

     

    • Diese Vorstellung ist besonders bei Männern sehr verbreitet. Hier könnte man wieder die Evolution ins Spiel bringen: Ohne Orgasmus, keine Verbreitung der Erbanlagen. Egal, wo die Ursache für diese Vorstellung entspringt. Sie ist ein guter Nährboden für Leistungsdruck – für beide Seiten. Und sie ist der häufigste Grund für Frauen, einen Höhepunkt vorzutäuschen. 
    • Überlegen Sie für sich selbst: Was bedeutet für Sie ganz konkret „guter Sex“. Der Höhepunkt ist vielleicht nur ein offensichtliches Zeichen. Lust, Erregung, positive Gefühle – gipfeln im Orgasmus. Klar, den Gipfel zu erreichen ist wunderbar. Doch den erreicht man auch entspannt. Sich darauf zu fixieren mindert nur den Genuss und führt im unglücklichsten Fall am Ziel vorbei. 

     

     

     

    Sexualität und spirituelle Erfahrung

     

    Verschiedene Glaubensrichtungen – auch das Christentum – integrieren Sexualität in ihre Übung als Weg, das Göttliche zu erfahren. 

     

    Am bekanntesten ist wohl das Tantra – auch Tantrismus genannt – das als Strömung im Hinduismus und Buddhismus existiert. Damit unterscheidet sich der tantrische Weg von allen andern. Denn: Während spirituelle Wege normalerweise mit strenger Askese verbunden sind und die Praktizierenden ihre Triebe kontrollieren und teilweise sogar bezwingen sollen, schließen Tantriker Sinnlichkeit, Leidenschaft und Sexualität als Weg zur Einheitserfahrung mit ein. 

     

    Hier im Westen verbinden die meisten Menschen das Wort Tantra mit einer Sammlung sexueller Praktiken. Das stimmt so nicht. Der Tantrismus besteht aus Meditation, Energiearbeit und spiritueller Anbetung – sexuelle Praktiken oder gar Orgasmen spielen keine zentrale Rolle. 

     

    Angebote mit sexueller Ausrichtung wie Tantra-Massagen oder Yoni-Massagen werden im Westen deshalb unter dem Schlagwort Neo-Tantra präsentiert.  

     

     

     

    Mögliche Lösung: Wege zu einem offenen Umgang mit Sexualität in der Beziehung

     

     

    Wie so oft heißt die erste Regel: Reden Sie darüber – und zwar miteinander. 

     

    Falls Sie als Single aktuell auf Partnersuche sind, empfehlen wir Ihnen drei Dinge:

    1. Lernen Sie Ihre Bedürfnisse kennen und akzeptieren Sie sie.
    2. Melden Sie sich bei einer Partnerbörse an, die ein umfassendes Profil von Ihnen erstellt. Solche Anbieter fragen Ihre sexuellen Präferenzen genauso ab wie Ihre No-gos.
    3. Sprechen Sie in der Partnerschaft von Anfang an – so wie es sich stimmig ergibt – über Sexualität. Das Risiko, dass Sie an ein Gegenüber geraten, das Ihre Wünsche nicht erfüllen möchte oder umgekehrt, ist beim Kennenlernen über eine niveauvolle Single-Börse relativ gering.

     

    Falls Sie aktuell in einer Beziehung leben, gilt der erste Satz: Sprechen Sie gemeinsam über das Thema.

     

    Diese Fähigkeit, über Sex zu reden, ist in einer Partnerschaft immer wichtig. Denn Vorlieben können sich auch wandeln – lange nachdem Sie Ihren Traumpartner im Netz gefunden haben. Und keine Partnerschaft ist dauerhaft vor (sexuellen) Problemen gefeit.

     

    Genauso wichtig wie das „Drüber Reden“ sind Ehrlichkeit und eine grundsätzliche Kompromissbereitschaft. Dabei gilt: Erweitern Sie ruhig Ihre Komfortzone und seien Sie neugierig.  Innerlich verbiegen sollten Sie sich nicht. 

     

    Gerade weil Kommunikation in allen Phasen – vom Dating bis nach der Hochzeit – so überaus wichtig ist, haben wir einen aufschlussreichen und spannenden Beitrag mit alltagstauglichen Tipps für Sie zusammengestellt. 

     

    Zum Weiterlesen:

    Eder, Franz X. (2018): Eros, Wollust, Sünde: Sexualität in Europa von der Antike bis in die Frühe Neuzeit. Campus Verlag.

    Clement, Ulrich (2015): Guter Sex trotz Liebe: Wege aus der verkehrsberuhigten Zone. Ullstein-Verlag.

    Büttner, Melanie et al. (2020): Ist das normal? Sprechen wir über Sex wie du ihn willst. BELTZ-Verlag. – Dieses Buch war für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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    Susanne Schmieder

    Autorin: Susanne Schmieder

    Psychologin
    Mit Worten jonglieren, den richtigen Ton treffen und die Leser wertvoll informieren - das macht mir großen Spaß. Als Diplom-Psychologin verfasse ich hilfreiche und nützliche Fachartikel. Das bedeutet für mich Faszination und Herausforderung zugleich.

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